TÖNE UND RHYTHMEN EINE ART UNIVERSELLE SPRACHE

Musik ist eine Art sozialer Klebstoff 

Forscher fragen sich schon lange, warum Menschen Musik machen. Nun haben sie einen Abgleich verschiedener Aufnahmen aus unterschiedlichsten Kulturen gemacht. Herausgekommen ist etwas Überraschendes.

Verbindet Musik tatsächlich Völker? Bilden Töne und Rhythmen eine Art universelle Sprache, die Menschen aller Kulturen verstehen können? Diesen Fragen sind Wissenschaftler verschiedener Forschungseinrichtungen nachgegangen. Sie wollten wissen, was Musik ausmacht, über alle Kulturen und Erdteile hinweg. In der Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten die Forscher von ihren Studien.

Musik habe Eigenschaften, die weltweit und in allen Genres auftreten, berichtet die Forschergruppe. Dazu gehörten Tonhöhen und Rhythmen, aber auch soziale Aspekte. Auf der ganzen Welt diene Musik dem Gruppenzusammenhalt und der Abstimmung innerhalb einer Gruppe.

"Unsere Ergebnisse helfen zu verstehen, warum Menschen Musik machen. Wir zeigen, dass die weltweit häufigsten Merkmale von Musik damit zu tun haben, dass Menschen ihre Handlungen aufeinander abstimmen können", erklärt Mitautor Thomas Currie von der Universität Exeter in Großbritannien. "Das lässt vermuten, dass Musik hauptsächlich dazu da ist, die Menschen zusammenzubringen und Gesellschaftsgruppen zu einen – wie ein sozialer Klebstoff."

Takte mit zwei oder drei Schlägen


Die Forscher um Patrick Savage von der Universität der Künste in Tokio hatten 304 Musikaufnahmen aus aller Welt nach allgemeingültigen Merkmalen durchsucht. Sie fanden keine Eigenschaften, die in allen Aufnahmen auftraten. Allerdings entdeckten sie zahlreiche statistische Universalien – also solche, die auf allen Erdteilen sehr häufig zu hören sind. Dazu zählen zum Beispiel die Bildung von Takten mit zumeist zwei oder drei Schlägen, das Singen mit Bruststimme, fünfstufige Tonleitern und einheitliche Tonlängen.

Auch soziale Merkmale seien unter den übereinstimmenden Merkmalen, heißt es in der Studie weiter. Beispielsweise werde Musik auf der ganzen Welt zumeist in Gruppen und eher von Männern aufgeführt, so die Forscher. Sie fanden zudem einen engen Zusammenhang zwischen der Benutzung von Schlaginstrumenten (Percussion), dem Musizieren als Gruppe und Tanz – eine Kombination, die an religiöse Rituale erinnere.

Über diese kulturunabhängigen Eigenschaften von Musik sei lange spekuliert worden, schreiben Savage und seine Kollegen. Mit der vorliegenden Studie lieferten sie nun einen statistisch abgesicherten Beleg für ihre Existenz. "Wir zeigen, dass trotz ihrer oberflächlichen Vielfalt die meiste Musik auf der Welt aus sehr ähnlichen Bausteinen besteht und sehr ähnliche Aufgaben erfüllt, bei denen es vor allem darum geht, dass Menschen zueinanderkommen", erläuterte Savage.

Melodien werden in hohen Tonlagen gespielt


"Die Studie scheint mir methodisch gut", erklärte Richard Parncutt vom Zentrum für Systematische Musikwissenschaft der Universität Graz in Österreich zu der Analyse. Spannend wäre seiner Meinung nach die Untersuchung weiterer möglicher Universalien. "Zum Beispiel: Liegen musikalische Tempos überall im gleichen Bereich wie Herzrate und Gehtempo? Und hängen Grundgefühle wie Freude, Angst oder Traurigkeit überall ähnlich von musikalischer Struktur ab?"

Frühere Studien hatten bereits belegt, dass auch das Hörsystem des Menschen für kulturübergreifende Aspekte von Musik verantwortlich sein kann. So liegt es vermutlich an der akustischen Dynamik in der Hörschnecke des menschlichen Ohrs, dass Basstöne üblicherweise für den Rhythmus genutzt werden, die Melodie hingegen zumeist in den höheren Tonlagen spielt.


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